Werner Lüerß

Verschollen im Mikrospiel der Stadt

2019, Kartoniert / Broschiert, 368 Seiten

ISBN 978-3 00-0620102-9

 

Nichts ist unvorstellbarer als die Zeit, in der wir leben.

Benjamin und Marvins Lachen drang durch die weit geöffnete Dachluke. Ich lag am Boden, meine Ohren auf Angriff gestellt, unfähig mich zu bewegen.

Völlig baff und ungläubig hörte ich ihrem Plan zu. Seltsam kalt, dieses Gefühl im Jetzt  …

Es war so perfide, verletzend zugleich, Nachbars Jungs bei einer Verschwörung zuzuhören.

Marvin und Benjamin waren dabei, ihre Familie zu verraten.

Sie telefonierten mit einem Notar aus Berlin-Frohnau, ihre hellen Stimmen für mich unverwechselbar.

Mein Inneres kochte wie ein junger Vulkan.

Wo soll deine Oma bleiben, Marvin?

Komisch wie er mich dabei ansah, dieses Fragende in seinen flackernden Augen … jenes Vergangene sehe ich vor mir.

Unglaublich, die Beiden spielen Roulette.

 

20. Juni 2018, 9:00 Uhr.

Staatsanwalt Dr. Bocinsky von der Abteilung »Organisierte Kriminalität« wartet auf uns in Berlin Moabit, Turmstraße 91.

Blind for the moment.

Warum gingen wir nur zu zweit?

U-Bahn Turmstaße, tief unter der Erde, im Dämmerlicht, hallender Wortschwall, Schattennetze. Wir spür­ten plötzlich Dunkles, Gefahrvolles. Männer in Anzügen bewegten sich lautlos drohend auf uns zu: Sie hatten auf uns gewartet!

Wie von einer Tarantel gestochen rannten wir im Zickzack los. Meine Arm­banduhr zeigte zehn nach acht. Neles Schatten-Schrei hörte ich noch … etwas Heißes drang in mich ein, ich versank im Bodenlosen …

 

 

 

LESEPROBE

 

Ich fühlte etwas Nasses unter meinem zitternden Körper. Wo war ich? Scheiße, in meinem Kopf tobte es. Ich spürte einen wilden Hammer, der wie besessen auf einen Stahlträger eindrosch, Echoschlag. Ich war gefangen. War ich bekloppt? Imposant schlug der Hammer seinen Takt. Das Lachen fesselte mich. Sollten sich diese Ereignisse in meinem Körper einnisten, so wie Nuten in den Stahl pressen? Der Hammer war gut gehärtet. Was hatte man mir angetan? Diese innere Hitze, ich fühlte sie wie ein Brot, dessen Kruste auseinanderriss. Warum öffnete mir keiner die Tür?

Jetzt fühlte ich Risse an der Oberfläche des Bodens. Dieser Hauch, war es der Tod, der mich erlösen sollte? Du leichter Windhauch, wer bist du unter mir? Das Gefühl in mir suchte nach einer Antwort. Meine Angst war gewaltig. Nichts gelang mir, ich wollte da nicht hin, nein, es misslang mir. Was lag da unter mir im Verborgenen? Etwas war da unter mir am Arbeiten, kleine Kieselsteine. Feucht lagen sie in meinen geknebelten Händen in der tauben Welt. Komische Hintergrundgefühle. Ich kannte diese Welt hier nicht, spürte langsam dieses Andere, das mich zusammenziehen ließ. Der Boden unter mir veränderte sich, das Wellenartige um mich herum breitete sich aus. Der Sog wurde stärker, die kleinen Fugen im Fels fauchten mich an. War ich wieder ein Embryo?

»Was ist das?« Pass auf, es ist was im Busche!

Sekunden später hörte ich ein Quietschen über mir und sah wieder Sonnenlicht, den blauen Tag, den Himmel weit über mir. Etwas rauschte von oben auf mich herunter, stellte alles auf Leerlauf. In mir raste die Angst. Das unbekannte Rauschen landete neben mir. Ich schrie: »Was soll die Scheiße hier? Ich will hier raus, sofort!«

»Das kannst du vergessen, Kleine. Nur Ärger haben wir dir zu verdanken. Das hier ist deine letzte Speisung, bevor der Henker dich holt. Du kannst hier verrecken, Mädel. Keiner wird dich finden!«

Ein widerliches, hohes Lachen aus der Ferne. Eine unbekannte Stimme.

»Wer bist du? He!«

Die Luke nahm mir wieder das Licht, und der erbärmliche Versuch, meinen Worten Gehör zu verschaffen, versagte.

Es wurde wieder still. Neben mir eine Tüte vom Supermarkt. Sie war aufgeplatzt, lag im feuchten Dreck. In meinem Kopf spürte ich so etwas wie eine Ankerkette. Immer wieder schlug sie auf wie auf einem Schiff, und der Nachhall erzeugte ein brutales Echo, das sich durch den mächtigen Hohlkörper aus Stahl und Fels verstärkte.

Annabell, deine Welt sind die Drogen.

Plötzlich hörte ich andere, veränderte Wellen an meinem gemarterten Ohr.

Annabell, komm zurück! Es ist kalt!

»Okay.«

In Intervallen zog mich der Wind aus dem Untergrund im Segeltanz hin und her.

Wach auf  !

Etwas schrie mich an. Aber war wirklich ich es, die es hörte?

»Was ist los?«

Es ist nicht gut für dich!

Sand lag in meinen zusammengebundenen Händen, und die Risse vor mir im Boden wurden größer. Unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Die Schlinge der Angst drückte mir die Kehle zu. Geil, dachte ich, was kommt jetzt noch?

Mädel, du musst weg hier, sofort!

»Haha, du spinnst ja!«

Ich konnte mich einfach nicht befreien. Etwas packte fest in mir zu.

Mädel, aufwachen!

Es war zu viel. Die Schmerzen zogen mich zurück in eine Tiefe, in meine innere Lebenswelt. Was war das? Migräne? Gehirnerschütterung? Oder gar Schädelbasisbruch? Oh, mein Gott, hör auf damit, sofort! Eine Ohnmacht erlöste mich schließlich.

Komm zurück!

Mir war schlecht, verdammt schlecht. Ich wollte mich übergeben, aber es ging nicht. Etwas hatte mich im Griff. Aber was, Drogen vielleicht? Nein. Oder etwa doch? Wo waren meine klaren Gedanken, die sich in mir versteckten? Ich zitterte. Das so zu spüren, ohne zu wissen, was es war, echt brutal!

Annabell, bitte komm! Versuch es! Los jetzt, komm, mach die Augen auf  !

Meine Augen wollten nicht. Sie fürchteten sich vor dem Stechen der Sonne. Meine Gedanken rasten. Mein Keller, mein Verlies umschloss mich lichtlos.

Willensschwach war sein Name. Er setzte sich irgendwann durch, ich war dagegen. Ticartige Zuckungen. Die Wiederholungen forderten mich kontinuierlich auf, meinen Duktus zu ändern.

Ich trete dir in den Arsch, Mädel! Annabell, komm, mach was! Es ist schlimm, dich so verzweifelt zu spüren! Das hier wird sich weiter verschlechtern! Das Fauchen unter dir öffnet seinen Schlund!

Vibrationen lösten Steine über mir. Endlich öffnete ich die Augen. Vor mir eine Wand aus Kalksandstein, vielleicht zehn Meter hoch, davor öffnete sich der Boden. Polternd verschwand der halbe Raum vor mir und ich wich zurück.

Du wirst hier elendig verrecken!

Ich spürte es intuitiv, sah alles und konnte nichts dagegen tun.

Es sind verdammte Mörder!

»Ach, komm schon!«

Plötzlich entriss mein Wille mich meinen Gedanken.

Annabell, komm schon!

Ich sah durch das Gitternetz meiner verklebten Wimpern eine Lampe über mir an der Decke. Dieser Weg hier war nicht von mir geplant, niemals. Ich war gefangen. Sah, wie Sonnensterne über mir schimmerten. Es verschwamm wieder. Dieses Dröhnen im Kopf.

Nicht bewegen, Annabell!

Mir war sauschlecht. Meine Bewegungen verlangsamten sich wieder wie eine Raupe.

Versuch, dich zu sammeln, Annabell!

»Ihr Dreckschweine, wer seid ihr, ihr verdammten Penner? Ich schlage euch tot!«

Hallo, das bist doch noch du!

»Lass mich in Frieden! Du nervst!«