Werner Lüerß

MARKUS BLUME führt dich durch die Zeit

2015, Hardcover, 472 Seiten

ISBN 978-3-943583-44-1

 

Markus Blume lebt in Berlin Pankow.

Er ist zerrissen im Inneren und mit sich im Zweifel, ist auf der Suche und findet nicht seinen Tritt. Beruflich ist er als Verwerter der Vergessenen unterwegs, alte Immobilien taxen und für den Verkauf vorbereiten – sein Leben.

Miri und die Wanderin der Nacht konnten ihn nicht‘s vergessen lassen. Markus war ins andere Licht des Lebens gerückt worden.

 

„Komm Markus, die warten schon.“

Wie eine Feuerwand die auf

die Menschen zurast.

Willkür, dieses menschlich Verletzende.

Diese Reisen in das andere Leben

der Verlorenen.

Das Ausgrenzende wurde unheimlich!

So zog es Markus Blume in die Zeit

der Vergessenen.

Schaut euch Heute um – es brennt wieder!

–––

Miri zog mich in den Brunnen der Zeit und ich sah diese andere Welt aus einem, atemberaubenden Blickwinkel eines Zeitreisenden.

 

Aber auch dieses Erstaunen!

Ich, Markus Blume, wurde aus

meiner Lebenszeit gezogen.

Das andere Leben erstaunte mich.

Wie sich die Menschen so leicht

manipulieren lassen, entsetzt mich.

„Markus sieh!“ dort den

Völkischen Beobachter,

der an diesem 9. November 1938

vom Winde zerrissen durch die

Müllerstrasse in Berlin getragen wird.

„Komm Markus! Komm,

sie warten schon.

Wer? Miri, meine Lebenswelt!“

Verführte Seelen im Klang der Metronomen.

Den Menschen wird der Taktschritt angeordnet.

Sieg über die andersdenkenden Kulturen.

 

Miri und die Wanderin der Nacht zeigten mir diese Geschichte wahrhaftig, sie schoben mich wie ein fauchender Sturm vorwärts, Zeitenfenster zersprangen.

So begann diese Geschichte, kommt mit!

 

 

 

LESEPROBE

 

Dieses Buch soll uns wach halten.

Unsere Gedanken nicht angreifbar machen,

Frei mit seinen gesprochenen Worten umzugehen.

Dies ist die Quelle aller Freiheit!

Wie in dieser Geschichte von Markus.

Ich bin Markus Blume.

Mein Leben ist gut, alles ist geregelt. Ich weiß, was gestern war, was heute ist und was morgen vielleicht sein wird.

Jeden Morgen gehe ich zur Arbeit, manchmal fällt es mir schwer, mich aus dem Schlaf zu lösen, in der Regel aber wache ich in eben jenem Augenblick auf, der mir die Zeit gibt, gemächlich die kleinen Handgriffe zu tun, die man braucht, um für einen ganzen langen Arbeitstag gerüstet zu sein.

Diese Tage ähneln oder gleichen sich so sehr, dass ich sie im Gedächtnis nicht mehr auseinanderhalten kann. So muss es wohl sein, anders kenne ich es nicht. Eigentlich bin ich zufrieden.

Was nagt in mir? Der Lauf eines ganzen langen Tages, die abendliche Ruhe, die Freude am alltäglichen Einerlei - alles wird plötzlich unterbrochen und gestört durch plötzlich aufkeimende Unruhe.

Anfangs wusste ich nicht, was ich selbst davon halten soll, schalt mich, die Ordnung unnütz gestört zu haben, etwas zu dulden, was nur Ärger bringen konnte.

Aber das half nicht.

Der Versuch, alles zurückzudrängen, weckte nur ein Gefühl in mir, etwas zu versäumen, etwas ganz Wichtiges nicht zu Wort kommen zu lassen. Irgendetwas in mir schien zu rufen: Wach endlich auf und schau dich um!

Ich dachte, es verginge wieder, vielleicht hatte ich in der letzten Zeit zu viel gearbeitet, hatte plötzlich hinter den Akten die Menschen gesehen, deren Schicksal durch meine Arbeit beeinflusst wurde.

Möglich wäre auch, dass ich mir keine Abwechslung gegönnt und sich auf einmal die Menge der Akten in lebendige Vorgänge, erlebt und durchlitten von Menschen, verwandelt hatte. Es musste ja vergehen – aber nein, es kam wieder und drang immer mehr und stärker in mich ein, als suchte es mich zu zwingen, ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Eines Nachts wachte ich auf – oder auch nicht, befand ich mich in einer anderen Welt?

Ich stand da und zu mir trat ein anderer Mensch.

Nein, es war kein anderer, das war wiederum ich selbst, der mir da entgegen trat, und doch war es ein anderer, heiterer, ernster.

Fest von Gestalt und dennoch nicht greifbar.

Aber dieses gegenüber trat zu mir, streckte mir die Hand hin, mit einer fordernden Geste schien es auf mich einzudringen.

Dann verschwand die Gestalt wieder, ich merkte, dass sie eine Traumfigur war, in mir blieb aber der Gedanke haften, dass es wie eine Herausforderung gewirkt hatte.

Wem galt sie, und wenn sie ganz bewusst zu mir getreten sein sollte? Warum aber sollte ich gemeint sein?

Seit diesem Erlebnis beginnt in mir die Frage zu keimen, warum ich herausgefordert war.

Es wächst in mir und verfolgt mich der Gedanke, dass nicht einfach nur Neues auf mich wartet, sondern ich eine Haltung gewinnen müsse, die mich neu und anders zu leben zwinge.

Mich bedrängte von Stunde zu Stunde mehr das Bedürfnis, alles zu prüfen, was mir bisher wichtig und womit mein Tag gefüllt war.

Dafür aber müsste ich meinen eigenen Horizont weiten, ganz andere Dimensionen müsste ich in meinem Blick zu bringen versuchen.

Aber ich lebte nun mal hier, konnte mich nicht einfach lösen, wollte auch nicht so tun, als ob ich einfach alles wegwerfen könne.

Zurück aber konnte ich nun nicht mehr, und so musste ich jeden Tag erneut auf die Frage antworten: Ihr Seelen, die mich bedrängen, die meine ganze Existenz neu in Frage stellen, sucht Ihr mich?

Sucht Ihr mich in meiner Zeit, oder wollt Ihr eine Antwort für euch selber? Seid Ihr es, die ihr den Schrei in mir ausgelöst habt, den Schrei auf der Suche nach Leben, nach dem ganzem Leben? Eigentlich war ich ein gelassener Typ, nichts konnte mich mehr erschrecken als ein Schrei.

Ich geriet langsam vom Gleis, was ich alltäglich eigentlich erledigen wollte, wurde unwichtig, Gedan kenwelten, ihr habt euch in meinen Vordergrund geschoben.

Die Begegnung mit meinem Doppelgänger geriet immer wieder in meine Vorstellung, sie schien mir zu sagen, dass ich mich gefälligst auf die Suche begeben müsse, nicht warten dürfe, sonst würde ich mich selbst verlieren. Immer stärker spürte ich den Zwang in mir, jeden Schritt zu fixieren, ihn festzuhalten, um sodann weiter gehen zu können – nur säumen durfte ich nicht. Der Bruch mit allem, was bisher mein Leben bestimmt und ausgefüllt hatte, wurde mit der Zeit immer deutlicher; ich wusste immer besser, dass ich nicht mehr zurück konnte, sondern die Schritte nach vorn wagen müsste.

Aufzuschreiben, was dann geschah, schien mir von Tag zu Tag mehr die einzige Lösung zu sein. Dieser Weg war auch geeignet, mich zum Tatsächlichen in dieser Welt zu führen, mir zu sagen, was nötig sein musste, um das Rechte zu tun.

Es ist uns Menschen eigen, unsere Gedanken und Empfindungen, unsere Hoffnungen, Träume und Taten an das Schicksal von Menschen zu binden.

So tauchte Miri in der Welt meiner Vorstellungen und Ideen auf.