Werner Lüerß

Jan Kornhagen – Mich treibt der Sand meiner Lebensuhr

2017, Kartoniert / Broschiert, 430 Seiten

ISBN 978-3-943583-88-5

 

Jan Kornhagen war dabei sich zu verlieren, dabei hatte er doch so vieles erreicht im Leben. Naja was möglich war, sein Studium hatte er geschafft.

Seine Vergangenheit war wie ein Sog, welcher ihn überall erreichen konnte. Er wollte diese Tür schließen, es hinter sich lassen, aber manches lässt einen nicht einfach so los. Der plötzliche Tod seiner Eltern auf der A1 zum Beispiel. Vor ein paar Wochen der Schlaganfall von seinem Großvater. Er wollte doch noch frei sein. Nun lag die Verantwortung auf seinen Schultern. Mit 27 die Firma übernehmen? Für so eine Verantwortung war er nun wirklich nicht gewachsen. Hinzu kam, dass seine Freundin aus seinem Leben verschwunden war. Bis vor kurzem noch stand er  im Eingang ihrer gemeinsamen Wohnung… Doch der Sog der Vergangenheit wurde schwächer. Er war nun allein, auf eine gewisse Art frei.  Aber das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber seiner Familie, zu versagen bedrückte ihn. Jan, der die Kunst und die Menschen liebt, hatte einen Plan. Er wird sich auf eine abenteuerliche Reise durch unser Land begeben - und Dich, lieber Leser, auf diese vergnügliche Reise mitnehmen.

 

 

 

LESEPROBE

 

Ich habe es geschafft, meine letzte Prüfung liegt nun hinter mir. Ich, Jan Kornhagen, bin seit 27 Jahren auf der Wanderschaft, diese Welt da draußen wollte ich ordnen in meiner Anschauungswelt. Klare soziale Übereinkunft im Innern, mit mir selbst, ja, das war die Grundlage meiner Seele, um das zu fühlen, was man liebt, das Leben im Ganzen. Ja sagen für ein Miteinander, wieder frei mit meinen Gedanken unterwegs zu sein, mich nicht mehr über Jahre hinweg um Zahlenspiele und die Prüfungen durchboxen, denn ich hatte immer noch einen gehörigen Schiss vor diesen Aufgaben. Ihr fragt mich, woher ich diesen Tick habe? Fragt Euch doch selbst, ich bin kein Unikat, oder!

Jetzt konnte ich mich neu ordnen und mich der kreativen Lebensform unterwerfen. Ich liebe die Kunst, das globale Leben in Freiheit, die Musik genießen, vor allem dieses Lesen in alten Gemälden fühlte sich toll an.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, lag meine Wohnung im 3. OG im dunklen Schatten. Wieso das denn, komisch, dachte ich! Oben öffnete ich die Tür. „Hallo“, rief ich in die Dunkelheit hinein. Der Flur lag heute im orangefarbenen LED-Licht, wechselte von Tag zu Tag seine Farbe – vergleichbar mit einer Zeitschaltuhr, die gesteuert wird. Jetzt lief ich durch meine 110 m² große Dreizimmerwohnung. „Stille, ich war auf der Suche nach ihr!“ Als ich im Balkonzimmer das Licht anmachte, sah ich Katharina; ihre Augen blinzelten mich an, es war wie ein Schock, Lichter zuckten in ihr. „Hallo Schatz, was ist denn mit dir, du sitzt hier ohne Licht. Ist dir nicht gut?“

Ihre Augen wanderten, schauten mich von oben bis unten an; als ich dann ihre hellblauen Augen wiedergefunden hatte, hörte ich sie tief einatmen, „bei mir ist alles gut, Jan“.

Komm, erzähl schon, was bedrückt dich denn. Ich gehe gleich, Jan. Und wohin? In meine neue Wohnung. Wie, ich verstehe nicht, Jan. Die Liebe ist in mir erloschen, ich fühle nichts mehr für dich. Ich hockte mich auf den knarrenden Stuhl neben der Tür.

„Seit Jahren bist du nur für andere unterwegs, für uns bleibt kaum Zeit, geschweige für mich.“ Jan, hörte ich mich, sie ist dabei dich aus ihrer Gefühlswelt loszulösen. Es wurde eine lange Reise. Das Gespräch, überhaupt der Wortwechsel, und auch dieses Endgültige in den Wortklängen, spielte exakt eine gute Rolle dabei.

„So war nun meine Liebe zu ihr, von ihr, meiner Katharina, geschreddert worden.“

„Ich hatte Tränen in den Augen, ihr war das völlig egal! Es spiele auch in ihrem Film, der hier gerade lief, meine Familiengeschichte keine Rolle!“

Vor 2 Jahren habe ich meinen Vater Paul und meine Mutter Corina durch einen Verkehrsunfall verloren. Beide waren von Hamburg in Richtung Bremen auf der A1 unterwegs, als am Ende des Staus ein Lkw sie unter einen stehenden Sattelzug drückte; eine lange harmonische Liebe verlor sich in Sekundenschnelle.

Ich war nun in ein anderes Raster geschoben worden, aber das war ihr auch egal.

Neben ihr klingelte ein Handy, ich hörte abwesend den Text, „ja, ich komme gleich“. Wohin will sie, dachte ich. Ich sah ihre Gestalt neben mir, ihre Hand lag auf meiner Schulter, es war manchmal schön mit dir, ihre Wohnungsschlüssel klapperten in der Schüssel auf dem Flur. Die Wohnungstür schloss sich, ich war allein. Vom Balkon aus schaute ich der Gehenden nach. Ihr Wesen erhellte der Mond, ihre Schritte verschwanden wie ihr Dasein, nur im Widerhall der dunklen Nacht hörte ich sie in der Schallferne der Nacht.

Die angebrochene Flasche Appassimento, mein Rotwein, liebte ich – das Schwere in seinem Sein. Es füllte meinen Mund, ich sah sie noch gestern gegenüber am Tisch sitzend, mir zuprostend, zu trinkend beim Abendbrot – das war gestern.

Ich stehe auf dem Balkon, der Mond leuchtet mich weis unschuldig an, das Zimmer liegt im dunklen. Orangenlicht leuchtet aus dem Flur mir entgegen. Was nun? Ich stehe wie leergebrannt zwischen dieser Lichterwelt. Ich kann das alles nicht mehr begreifen. War ich so ein schlechter Liebhaber, oberflächlich zu ihr … oder war es nur das Leben, was uns trennen musste. Ich glaube, das war das Leben, das ich eigentlich so nicht annehmen wollte. Mein Glaube an die Familie hat mich zur Verantwortung gezogen.

Was war geschehen!

Mein Vater hatte gerade den Maschinenbaubetrieb Kornhagen von meinem Großvater übernommen. Der Betrieb, der seit vier hanseatischen Generationen existiert, wurde vor 20 Jahren von meinem Vater auf neue Technologien umgestellt. Er hat er kannt, dass in der Umwelttechnologie noch so viel im Argen lag, dass es an der Zeit ist, etwas für die Umwelt zu tun. Wir spezialisierten uns auf wiederverwertbare Geruchsstoffe aller Art. Der Laden lief.

Vater ist gerade 47 Jahre alt geworden, als er mit meiner Mutter aus dem Leben gerissen wurde. Das alles war schon schwer genug. Dann traf es noch meinen Großvater; der Schlaganfall ermöglichte es ihm nicht mehr, große Dinge zu reißen. So wurde ich gefragt: „Junge, du bist unsere einzige Hoffnung, was sollte ich machen, wegrennen auf keinen Fall.“

Sicher hatte sich alles kolossal verschwommen; das Hafenbecken in meiner Gefühlswelt, diese Pole schoben mich gedanklich zurück.

Eigentlich wollte ich raus, die Welt mit Freunden bereisen, mich für die Umwelt einsetzen. Ich hing an der Angel, meine Aufgabe wurde plötzlich anders ab diesem Augenblick meiner Zusage meinem Opa gegenüber. Es prägte mich und, wie gesagt, ich hatte jetzt meine Techniker-Prüfung abgeschlossen. In der Lehrzeit fühlte ich schon, dass dies hier nicht mein Leben ist - dieser Krach; ich liebte die Musik, die Opernhäuser, ich liebe den Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief, die Art seines Lebens, seine Operninszenierung „Der Fliegende Holländer“ 2007 am Teatro Amazonas in Manaus; dieser Regenwald, die Veränderungen, wie in seinem Leben – all dies ist für mich unfassbar. Vater verlor seine Mutter und erlitt Monate später einen Schlaganfall. Er war schon gezeichnet von Lungenkrebs, aufgeben war nie sein Ding gewesen, er spielte bis zum Schluss, seine Röntgenaufnahmen fügte er in seine Inszenie rungen ein. Ich konnte es fühlen, dieses Verlieren und sich selbst. Ich war auf sanften Wegen unterwegs. Das alles konnte ich jetzt knicken.

Ich nahm den Satz und das neue Lebensspiel an.

Jeder macht Fehler, niemand ist unfehlbar, viele merken es nicht oder wollen es nicht.

So war ich wieder an einen Eckpfeiler angekommen, der mich beeinflusste. Ich dachte nun, ja, das ist so und es wird schon werden. Ich verlor Katharina dabei und schaute mir den Mond vom Balkon aus an; die Flasche war leer, wie ich. „Suche einen neuen Weg, der dir nicht deine Einstellung nimmt, Jan, du musst morgen handeln.“ Ich lag im Schlafzimmer, neben mir ihr Duft, der mich nicht ruhen lassen wollte. Ich erwachte im Wohnzimmer auf der Liege. Dieser heiße Kaffee ließ meine Zunge zusammenzucken. Ich war wach, mein Kopf war klar und ich schaute voller Zuversicht nach vorne.

In der Firma sah ich schon früh das Licht im Büro meines Großvaters.

He, mein Junge, du bist aber früh. Großvater (Robert), wir müssen reden! Ich sah im Gespräch seine sorgenvollen Blicke, die mich suchten, hörte mich selbst reden – so weit war ich schon. Opa, ich möchte etwas Auszeit für mich haben, durch dieses grüne Land Deutschland reisen und mich dabei frei fühlen. Wir einigten uns. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass er mich bewunderte. Jan, das machen wir so. Morgental, unser Ingenieur, klopfte an der Tür.

Der Mann ist seit 20 Jahren im Betrieb. Er gab mir die Hand, ich war noch Lehrling, als ich unseren Morgental kennenlernte.

Opa sagte zu unserem Ingenieur: „Mein Jan, macht mal dieses Jahr eine Pause, bis er mit dir zusammen den Betrieb übernimmt.“ Wir mochten unseren gegenseitigen Respekt, der sich in klaren und deutlichen Worten ausdrückte, ohne Schnickschnack.

So, das war eigentlich schon alles, was Opa sagen wollte.

Hanseatisch geregelt!

Alles war so weit geregelt. Ich machte mich auf die Reise durch unser Land – ja, um Menschen zuzuhören, die einem spontan begegnen; ich war echt gespannt. In einer kleinen Alu-Kiste, fertig für die Reise, hatte ich das Diktiergerät und eine Vielzahl an Disketten bei mir sowie ein kleines Telefon und ein Rückruf-Gerät (Transmitter), das an meinem Gürtel hing. Beide fand ich fast noch unbenutzt im Büro meines Vaters.

Aufgefrischt gingen sie mit mir auf Reisen. Damit konnte ich mich frei bewegen.

Telefonieren an Tankstellen und anderswo war kein Problem, also kein Thema für mich. Ich versprach mich alle zwei Tage zu melden.

Das war diese grenzenlose Freiheit. S 5 und iPad, ohne zurückgelassen.

Jetzt lebst du anders – das merkte ich schnell. Meine kleine Lumix-Kamera lag im Handschuhfach.